Aufgedeckt: Die Tariftricks der Stromdiscounter
9.10.09 16:35 Alter: 9 Jahre

Wie kann es sein, dass FlexStrom in Berlin für 4.000 kWh im ersten Jahr nur 546,68 € verlangt, der Berliner Grundversorger Vattenfall in seinem Grundversorgungstarif für die gleiche Strommenge aber 827,60 € berechnet?

Strompreis

 


Bonn (Strom-Prinz.de) - Das Geschäft mit dem Strom ist für Stromanbieter ohne eigenes Netz, sogenannte Stromhändler, nur schwer lukrativ zu betreiben. Schuld sind die vielen unausweichlichen Kostenblöcke, an denen keiner der Stromdiscounter vorbeikommt. Um trotzdem günstige Strompreise anbieten zu können, greifen Stromdiscounter oft tief in die "Tarif-Trickkiste".


Niedrige Marge
Alleine Steuern und Abgaben machen bereits 40% des Strompreises für einen Haushaltskunden aus. Den Strom selbst kaufen die Stromdiscounter an der Leipziger Energiebörse für durchschnittlich rund 5-6 Cent ein, macht weitere rund 25-30% des Endverbraucherpreises. Hinzu kommen die regional unterschiedlichen Netznutzungsentgelte, die von den Stromanbietern an die überregionalen und lokalen Stromnetzbetreiber entrichtet werden müssen. Das sind weitere rund 25% des letztendlichen Strompreises, auf die der Stromdiscounter keinerlei Einfluss hat.


Immense Preisunterschiede
Dass diese festen Kostenblöcke nur wenig Luft für günstige Strompreise lassen, scheint auf der Hand zu liegen. Wie kann es dann aber sein, dass z.B. die FlexStrom AG von einem Berliner Kunden mit 4.000 kWh Stromverbrauch aktuell gerade einmal 546,68 Euro im ersten Jahr verlangt (Tarif Sommer 3.600er)? Das sind auf die Kilowattstunde umgerechnet nur 13,70 Cent. Beim Wettbewerber TelDaFax sind es nur wenig mehr. Die Gesamtkosten von 556,33 Euro fürs erste Jahr ergeben auch nur 13,90 Ct/kWh (Tarif TelDaFax 1570). Der Berliner Grundversorger Vattenfall berechnet demselben Kunden in seinem Grundversorgungstarif "Berlin Basis" immerhin 827,60 Euro, macht umgerechnet 20,70 Ct/kWh. Was ist hier los? Betrug auf breiter Ebene?


Überteuerte Basistarife
Zunächst ist jeder Stromkunde in Deutschland selbst schuld, wenn er noch im Grundversorgungstarif seines lokalen Grundversorgers „herumdöst“. Denn natürlich haben Vattenfall und auch alle anderen Grundversorger günstigere Stromtarife parat. In unserem Berliner Beispiel wäre das der Tarif Vattenfall Easy mit Kosten von 730,80 Euro aufs erste Jahr bezogen. Das sind schon mal fast 100 Euro weniger. Die Kilowattstunde kostet umgerechnet so nur noch 18,30 Cent. Als Rechtfertigung für diese deutlich günstigeren Angebote hört man in der Regel „ja diese Tarife gibt’s ja auch nur im Internet“ und „dafür erwarten wir aber auch, dass der Kunde sich länger an uns bindet“ sprich eine längere Vertragslaufzeit (was im Berliner Beispiel noch nicht einmal der Fall ist!).


TIPP: erst einmal schauen, ob der bisherige Stromanbieter nicht einen günstigeren Stromtarif anbietet. Die Stromtarife des lokalen Grundversorgers erkennt man in einem Online-Stromrechner an dem Häuschen-Symbol neben dem Tarifnamen.


Tariftrick: Einmalbonus
Wer genauer hinschaut, erkennt beim FlexStrom-Angebot einen satten Bonus von 110,00 Euro. Der einmalige Bonus bzw. Erstjahresrabatt wird von einigen Anbietern als eine Art "Begrüßungsgeld" gewährt. Da dieser Einmal-Bonus im Stromrechner der meisten Stromvergleiche bereits in der Voreinstellung berücksichtigt wird, ist er ein beliebtes Tarif-Instrument, um sich in der Tabelle an einem Wettbewerber vorbei zu schieben, der eigentlich langfristig günstiger wäre. Im zweiten Jahr ist es dann vorbei mit dem Bonus. Abgebucht wird im Übrigen stets der Gesamtbetrag ohne Einmalbonus. Den sieht der Kunde frühestens auf der ersten Jahresabrechnung, die aufgrund der Ablesung und dem Abrechnungsprozess natürlich erst deutlich später eintrifft. Die Aussicht auf den Bonus hält viele Kunden von einer Kündigung ab, obwohl das eher eine psychologische als eine juristische Barriere ist. Und so befindet sich die Mehrzahl der Kunden unversehens in der zweiten Vertragslaufzeit, die meist wieder 12 Monate beträgt.


TIPP: Wer nicht vorhat, alljährlich seinen Stromanbieter zu wechseln, wählt besser einen Stromanbieter, der erfahrungsgemäß beständig günstige Preise bietet. In jedem Fall im Online-Stromrechner das Häkchen bei „Einmaligen Bonus berücksichtigen“ testweise entfernen und die Ergebnislisten miteinander vergleichen. Erst danach entscheiden!


Tariftrick: Vorauskasse
Stromdiscounter lieben Vorkasse. Die Zahlung der gesamten Jahresstromrechnung erfolgt bereits kurz nach Vertragsabschluss. Dazu die FlexStrom-AGB: „Die Zahlung wird im Voraus fällig […] bei den Strompaketen im ersten Lieferjahr ca. 8 Wochen und in den Folgejahren ca. 4 Wochen vor Lieferung“. Der frühe Zahlungseingang  gibt dem Stromhändler finanziellen Spielraum, um u.a. die teure Phase der Kundenakquisition zu finanzieren. Zudem entfällt das Risiko eines Zahlungsausfalls, es ist keine Bonitätsprüfung notwendig etc. Im Streitfall läuft allerdings der Kunde und nicht der Stromdiscounter seinem Geld hinterher. Fairerweise muss man einräumen, dass die Anbieter den Vorauskasse-Kunden meist günstigere Konditionen bieten.


TIPP: Vorauskasse ist nicht grundsätzlich schlecht. Ist man sich hinsichtlich der Reputation des neuen Stromanbieters allerdings nicht völlig sicher, sollte man im Zweifelsfall von diesem Zahlungsmodell Abstand nehmen.


Tariftrick: Strompakete
Insbesondere FlexStrom ist Meister der Strompakete. Mit Strompaketen kauft man eine feste Menge Strom für einen Zeitraum von einem Jahr. Braucht man das Strompaket nicht auf, verfällt der Rest. Verbraucht man mehr Strom, muss man mit einem vergleichsweise hohen Preis je Kilowattstunde nachzahlen. Im Beispiel von FlexStrom liegt der Preis bei 20,50 Ct/kWh für zusätzlich verbrauchten Strom.


TIPP: Wer seinen Stromverbrauch nicht ganz genau kennt, entfernt sich schnell vom theoretischen Optimalpreis und sollte lieber einen regulären Stromtarif wählen.


Tariftrick: Kaution
Was FlexStrom bei den "Strompaketen" ist TelDaFax bei Thema "Kaution". Der Troisdorfer Stromdiscounter zieht im Berliner 4.000 kWh-Beispiel zusätzlich zu den 556,33 Euro Vorauszahlung gleich noch weitere 200,00 Euro sogenannte „Sonderabschlagszahlung“ ein. Dazu die TelDaFax AGBs: „Bei Tarifen mit einer vertraglich vorgesehenen Sonderabschlagszahlung beginnt der Umstellungsprozess erst nach Eingang dieser Sonderabschlagszahlung. Die Verrechnung der Sonderabschlagszahlung erfolgt mit der Rechnung für den letzten Abrechnungszeitraum, die nach Verlassen des Tarifs oder mit Beendigung der Vertragsbeziehung erstellt wird.“ Im Klartext werden dem Kunden erst einmal 756,33 Euro vom Konto abgebucht und erst dann startet TelDaFax mit dem Wechselprozess. Kommt es in diesem Prozess zu Verzögerungen oder scheitert der Stromwechsel aufgrund einer Vertragsbindung beim vorherigen Stromanbieter, ist das Geld während der gesamten Zeit erst mal auf dem Konto von TelDaFax. Und auch hier gilt: im Streitfall läuft der Kunde seinem Geld hinterher. Wie alle Vorauszahlungen ist auch eine Kaution im Fall der Insolvenz eines Stromanbieters übrigens erst einmal futsch.


TIPP: wenn das Angebot nicht wirklich überlegen ist, sollte man Stromtarife mit Kaution meiden. Einfach im Online-Stromrechner beim Punkt „Tarife mit Kaution berücksichtigen“ das Häkchen entfernen.


Tariftrick: Frühzeitige Preiserhöhung
Besonders genau sollten Stromkunden beim Thema "Preisgarantie" hinsehen. Ist die Preisgarantie kürzer als die Vertragslaufzeit? Das ist z.B. im Berlin-Beispiel beim FlexStrom-Tarif der Fall. Trotz 12 Monaten Mindestvertragslaufzeit und 12 Monaten Vorauskasse, läuft die Preisgarantie nur bis zum Ende des Jahres 2009. Theoretisch kann FlexStrom bereits zum 1.1.2010 die Strompreise des Angebotes nach Belieben anheben. Aber gibt es im Falle einer Strompreiserhöhung nicht immer ein gesetzlich geregeltes Sonderkündigungsrecht für den Kunden? Doch, das gibt es. Allerdings geht dem Kunden dann sein Einmalbonus verloren und der Großteil der Ersparnis ist schon mal dahin. Weiterhin ist die dann fällige Endabrechnung bei einem nur anteilig genutzten Strompaket  nicht trivial. FlexStrom argumentiert in diesem Falle mit „jahreszeitlichen Verbrauchskurven“ und berechnet den genutzten Anteil des Jahrespakets „anteilig nach Standardlastprofil“. Und auch hier liegt im Streitfall die Vorauszahlung bis zur letztendlichen Klärung des Sachverhalts (oder bis der Kunde entnervt aufgibt) als Pfand auf dem Konto des Stromdiscounters.


TIPP: Im Falle einer Preiserhöhung erst einmal die neuen Strompreise mit den aktuellen Strompreisen am Markt vergleichen. Sind die neuen Preise unattraktiv, sollte der Kunde unerschrocken kündigen und sich im Streitfall sofort an eine Verbraucherzentrale wenden. Meist lenken die Stromanbieter dann schnell ein.


Generell gilt: Der Stromanbieterwechsel lohnt in den allermeisten Fällen. Ob man dann "mit aller Gewalt" den letzten 10 Euro hinterher jagt, bleibt jedem selbst überlassen. Die Erfahrung hat allerdings gezeigt, dass die Nummer drei oder vier der Stromtarif-Tabellen am Ende vielfach die günstigere Lösung ist.

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